8. Sonntag nach Trinitatis - Gedanken von Pfarrerin Graeff

Haben Sie einen Lieblingshelden? Superman, James Bond, Wonder Woman?

Superheld*innen nehmen jeden Auftrag an, je unmöglicher, desto besser. Er oder sie gerät natürlich immer irgendwann in die Klemme, kann sich aber auf wundersame Art daraus befreien, und hat am Schluß selbstverständlich Erfolg. Die Welt ist gerettet. Und: Superheld*innen haben niemals Angst.

 

In der Bibel finden wir auch eine ganze Reihe schwierige bis unmögliche Aufträge an verschiedene Menschen. Allerdings sind die offensichtlich keine Superhelden, denn so ziemlich alle sträuben sich gegen den Auftrag. Weil sie sich nicht für geeignet halten, weil ihnen die Sache zu groß oder zu gefährlich erscheint. Mose. Jona. David. Die Jünger Jesu. Und nicht zuletzt Jeremia.

 

Jeremia berichtet: „Das Wort des Herrn geschah zu mir.“ Er hört: Du sollst mein Prophet für die Völker werden und in meinem Auftrag predigen.  Jeremia wehrt ab: „Gott, nein, ich kann das nicht! Ich bin zu jung!“ Aber Gott lässt sich auf gar keine Diskussion ein. Er sagt: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“. Und er verspricht: Wenn ich dich losschicke, dann helfe ich dir auch. Und dann wird Jeremia ganz spürbar und erfahrbar ermutigt. Gott berührt seine Zunge und legt ihm in den Mund, was er sagen soll.

 

Wir sind nicht Jeremia. Aber wir sind, genau wie er: Berufene. Wir sind nicht Mensch Nummer sechs Milliarden siebenhundertachtzehn, nicht weiter wichtig, sondern: wichtig als genau der Mensch, der ich bin. Natürlich, die wenigsten werden Propheten. Aber wir sind an anderen Stellen an denen Gott uns brauchen kann. Als Lehrerin, Krankenpfleger, Computerspezialistin oder Verwaltungsfachkraft. Als Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern. Als Nachbarn und Freunde, denen die Mitmenschen wichtig sind. Da sind wir berufen „Helden des Alltags“ zu werden, dem Nächsten beizustehen und darin Gott zu ehren.

 

Angst, das nicht zu können? Ja, das kann sein. Wir sind ja auch nicht Wonder-Woman oder Superman. Und es kann auch schwierig werden.

 

Jeremia hat 50 Jahre lang mit seinem Prophetenamt gelebt – und er war oft nicht glücklich. Er hat oft gehadert. Er hatte auch einen schwierigen Auftrag! Gott hat ihm gesagt: „Ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

 

Ausreißen und zerstören, das hört niemand gern. Wer will schon gern Dinge zerstören oder aufgeben, die schon seit gefühlten Ewigkeiten Bestand haben? Aber doch muß manches auf den Prüfstand. Das gilt auch für uns heute, auch bei uns, in unserer Kirche, wird vieles nicht so bleiben können, wie es ist.

 

Bei Jeremia war es der Gottesdienst. Er schimpft: Eure Gottesdienste sind nichts wert. Ihr geht da hin und singt schön, und dann geht ihr wieder heim, und es ändert sich genau GAR nichts. Ihr lebt genau so weiter wie vorher, und am Ende des Tages geht es euch doch nur um euch selbst und euren persönlichen Gewinn. Alles andere ist euch egal.

 

DAS haben die damals sicher nicht gern gehört. Aber das würde heute auch niemand gern hören, denke ich – auch, wenn es berechtigt ist. Gottes Wort soll aufbauen und ermutigen, aber manchmal tut es auch weh. Und zwar immer dann, wenn Menschen Gottes Willen nicht achten, sich gegenseitig weh tun und schaden, und man das benennen muss. Dann kann es nicht um ein wohliges Gefühl gehen. Damals bei Jeremia nicht und heute bei uns auch nicht.

 

Das ist auch unsere Aufgabe. Auf Mißstände hinweisen. Zum Beispiel davon predigen, dass Menschen in Not und Elend leben und dass wir eine Verantwortung für sie haben. Und mehr noch: Auch handeln. Nicht nur reden.

Und wichtig ist auch, dass wir genau zuhören, was Menschen von uns als Kirche brauchen. Auch und gerade dann, wenn sie von Kirche vielleicht gar nicht so viel wissen wollen. Einfach ist das nicht. Da kann es schon deutlich Protest geben. Jeremia sollte der Mund verboten werden, ähnliches kann auch heute passieren.

 

Aber Jeremia hat nicht aufgegeben, und denen, die Gott suchen und die versuchen, nach seinem Wort zu leben, hat er Mut gemacht. Denn nach dem Einreißen und Zerstören – da kommt das Bauen. Neues aufbauen. Anders als vorher. Manches gibt es nicht mehr. Vieles ist verändert. Aber Gottes Wort ist da, trägt weiter. „Fürchte dich nicht! Ich gehe mit dir mit!“

 

Nach dem Einreißen kommt das Bauen. Unsere Kirche wird sich ändern. Wir werden uns ändern. Es ist jetzt schon vieles im Umbruch, und da kommt noch mehr auf uns zu. Es gibt Streit und Diskussionen, wie Kirche sein soll und was sie tun soll. Manches wird einbrechen, und anderes werden wir neu bauen. Es wird nicht leicht werden. Angst gehört dazu. Superheld*innen brauchen wir hier nicht. Aber Gott ist da, sein Wort trägt. „Fürchtet euch nicht! Ich gehe mit euch mit!“ Lassen Sie uns miteinander gehen. Amen.

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