Alle Jahre wieder - Predigt am Heilig Abend 2017 von Pfr. Norbert Heinritz

Liebe weihnachtliche Festgemeinde,

alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten, dieses schöne und bewegende Fest. Alle Jahre wieder sind am Heiligen Abend die Kirchen voll – so wie heute bei uns. Wir feiern das Fest mit unseren schönen Gottesdiensten und wollen die weihnachtliche Botschaft hören. Alle Jahre wieder erklingen rund um den Erdball die Worte des Verkündigungsengels: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lk 2,14)

Es ist die Sehnsucht, die alle weihnachtlich gestimmten Menschen auf dieser Erde erfasst: die Sehnsucht nach Heil und nach Frieden. Sie leuchtet an diesem Heiligen Abend ganz besonders hell auf. Das ist schön, das ist gut. Es braucht diesen Abend, in der wir diese Sehnsucht ganz deutlich spüren.
Alle Jahre wieder sehen wir freilich auch ganz besonders deutlich den Unfrieden in dieser Welt. An Weihnachten schmerzen uns die Bilder von Krieg, Gewalt und Zerstörung ganz besonders. Und auch in unseren Familien tun an Weihnachten friedlose und heillose Zustände besonders weh. Wahrscheinlich gehört einfach beides zusammen: Unsere Sehnsucht nach Heil und Frieden führt uns im besonderen Maße das Unheil und den Unfrieden vor Augen und macht uns das schmerzlich bewusste.

Alle Jahre wieder! Seit 2 Jahrtausenden feiern wir Christen Weihnachten und hören die Botschaft vom Frieden auf Erden. „Doch was hat sich geändert?", höre ich jetzt so manchen fragen. Sollten wir nicht endlich realistischer werden? Sollten wir die Friedensbotschaft von Weihnachten nicht begraben und den Realitäten der Welt in die Augen sehen? Wäre das nicht viel gescheiter?

Sie wissen natürlich längst, welche Antwort ich auf diese Fragen habe. Nein! Je friedloser unsere Welt ist, desto mehr brauchen wir doch diese Botschaft Gottes von Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens?

Doch warum ist er nicht schon längst da dieser allumfassende Friede? Oder noch viel zugespitzter und dramatischer – wie es vergangene Woche in der Zeitung diskutiert wurde: Sind nicht gerade die Religionen der Anlass für Gewalt und Unfrieden auf dieser Welt? Wenn man sich die aktuellen Konflikte auf unserer Erde ansieht, kann man solche Fragen ja nicht einfach vom Tisch wischen. Umso mehr müssen sich alle Religionen die Frage gefallen lassen, wie sie zu Krieg und Gewalt stehen.

Alle Jahre wieder feiern wir an Weihnachten die Geburt des Jesuskindes in einer Futterkrippe in Bethlehem. Gott wird Mensch. Gott macht sich klein wie ein Kind, ein hilfloser Säugling. Es ist ja eine merkwürdige Friedensbotschaft, die durch den Engel gebracht wird. Frieden geschieht durch die Geburt eines Säuglings, Frieden geschieht dadurch, dass Gott sich klein macht und zu den Menschen kommt.

Der Friede, um den es hier geht, ist kein Friede mit der Faust auf den Tisch. Es ist kein Friede der Machtspiele und der Kraftausdrücke bei Twitter oder wo auch immer. Es kein Friede der nationale Egoismen oder der Ellenboden. Es ist kein Friede, der mit den Säbeln rasselt und mit Gewalt verteidigt wird.
Der Friede, um den es hier geht, ist ein Friede des sich kleinmachenden Gott. Der Friede Gottes ist der Friede eines kleinen Kindes. Er kommt mitten hinein in das Unheil der menschlichen Welt. Er schafft Frieden nicht von oben herab, sondern von ganz unten. Da fängt der Friede an: ganz unten.

Darin liegt die große Weisheit der Weihnachtsbotschaft. Wer Frieden will, muss von sich selber, von seinen Wünschen, Bedürfnissen, Ansichten und Meinungen einen Schritt zurücktreten und auf den andern zugehen. Wer Frieden will, muss bereit sein, sich auch mal klein zu machen und sich zu bücken, nicht nur auf das eigene Recht und die eigene Überzeugung zu bestehen, sondern zumindest versuchen, auch den anderen zu verstehen. Frieden heißt immer, sich in den anderen einzufühlen, ein Stück weit zu werden wie der andere.

Das ist die Herausforderung der Heiligen Nacht. Klar, das ist nicht ganz einfach. In unseren ganz persönliche Beziehungen nicht. Wie schwer kann es doch sein, einen Schritt auf den anderen zuzugehen, gerade wenn es schon x-mal nicht geklappt hat! Aber dann gib nicht auf! So wie Gott uns Menschen nicht aufgibt.

Und wie schwer ist das erst in der großen Politik - noch dazu, wenn Menschen regieren, die von Egoismen geleitet werden. Und wie schwer ist das auch unter Religionen, die für sich die absolute Wahrheit in Anspruch nehmen und übersehen, dass Gott viel größer als unser Denken und sich viel kleiner macht, als wir meinen. Aber Frieden gibt es nur, wenn wir von uns selber einen Schritt zurücktreten und aufeinander zugehen, einander achten und respektieren, freilich ohne dabei die eigenen Überzeugungen aufzugeben.

Alle Jahre wieder hören die Botschaft des Engels: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Wir sollten nicht den ersten Teil diese Botschaft überhören: Ehre sei Gott in der Höhe. Gott die Ehre geben und Frieden auf Erden gehört zusammen.

Dort, wo Menschen sich wie Götter aufgeführt haben, ist es nie gut gegangen. Dort kann es keinen Frieden gegeben. Dort wo Menschen Gott vergessen haben und nur noch sich selber in den Mittelpunkt stellen, hat das selten zum Frieden beigetragen. Und dort, wo Menschen Gott für ihre eigenen Interessen, für Macht und Gewalt missbraucht haben, hat es immer nur Unheil gebracht.

Gott die Ehre zu geben, heißt ganz einfach Mensch zu bleiben, die eigenen Grenzen zu sehen und sich nicht zum Nabel der Welt zu machen. Mit dem alten, schönen und unpopulären Wörtchen „Demut" könnte man es bezeichnen. Das wäre in unserer Zeit vielleicht gar kein so schlechtes Weihnachtsgeschenk!

Alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten, dieses schöne und bewegende Fest. Und das ist wichtig und gut. Es hält unsere Sehnsucht nach Heil und Frieden wach. Wir sehen auf das kleine Kind in der Krippe. Wir sehen, wie Gott zu uns kommt, klein, hilflos, aus Fleisch und Blut. Weihnachten erinnert uns: So beginnt der Frieden. Im Kleinen. In unserm Tun und Lassen. In unserem Denken und Handeln. In unseren Hoffen und Lieben. Damit wir das nicht vergessen, dafür brauchen wir Weihnachten und die Botschaft des Engels, liebe Gemeinde. Alle Jahre wieder. Amen.

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