Andacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis

Singen tut gut! Singen stellt Nähe her, unter Menschen und auch von den Menschen zu Gott. Singen und Musik drückt Gefühle und Stimmungen oft besser aus als Worte und erreicht Menschen noch, wenn Sie sonst kaum noch etwas können. Singen geht manchmal nur unter Tränen. Und manche Lieder können alles in einem ausdrücken. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Das kann ein fröhliches, schwungvolles Lied sein. Das kann aber auch heißen: Gott, ich vertraue auf dich, auch wenn ich mich gerade ganz elend fühle. Ich traue ich dir, Gott, das Wunder zu, dass es einen neuen Anfang geben wird.

Das Evangelium für den heutigen Sonntag knüpft hier an. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, heißt es, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Seitdem Menschen nach Gott fragen und suchen, gibt es ganz unterschiedliche Wege, ihm nahe zu kommen. Bibel oder andere Bücher lesen, bestimmte Texte lernen, bestimmte Rituale einhalten, singen – Menschen haben das auf vielfältigste Weise versucht.

Das Matthäus-Evangelium spricht von den „Weisen und Klugen“ - gemeint sind vermutlich die Gesetzeslehrer und Pharisäer – die hier, entgegen aller Erfahrung, mal NICHT alles verstehen und richtig machen. Das sind Menschen, die suchen schon wirklich intensiv nach Gott. Um ihn zu finden, betreiben Sie einen erheblichen Aufwand, halten sich an ein kompliziertes Regelwerk und feilen ihre Technik immer noch besser aus. Ganz oft funktioniert so etwas ja auch gut. Nur hier nicht.  Hier wäre mehr Gelassenheit, oder auch mehr geschehen-lassen gut.

Jeder Sänger, jede Sängerin weiss, dass der besondere Klang der Stimme nicht durch Kraft und Druck erzeugt wird, sondern durch eine gute Atmung entsteht. Möglichst ganz entspannt aus dem Zwerchfell. Das kann man bis zu einem gewissen Grad üben, mit Einsingeübungen oder auch mit bewusstem ein- und wieder ausatmen. Aber nicht jede Übung ist für jeden Sänger geeignet, ein starres Schema gibt es da nicht. Und vor allem geht da nichts mit „Ich will aber, dass es funktionieren muss“. Wenn man entspannt bleibt, dann kann der Atem fließen und der Ton kommt wie von selbst. Wenn man das Ganze aber mit Druck und Kraft versucht, dann macht man sich irgendwann die Stimme kaputt. Leider gibt’s immer wieder Sänger, auch Sprecher, die genau das versuchen.

Die „Weisen“, von denen Jesus hier redet, das sind so Menschen, die es mit Druck und Kraft und ganz bestimmten Übe-Schemata versuchen, Gott zu finden. Sie sind eher nicht die Typen für entspanntes Atmen und fließen lassen. Und auch wenn sie sonst oft im Vorteil sein mögen – hier funktioniert das nicht. Hier geht es nicht um das, was menschliche Klugheit rausfinden kann. Hier geht’s um was anderes.

Jesus sagt: Wir können akribisch alle Gebote einhalten. Wir können viele, viele Bücher lesen auf der Suche nach Gott. Wir können uns Mühe geben, die richtige Form zu finden, wie man Gott nun loben soll. Aber das hilft nur bedingt. Oder kann gar schaden. Beim singen kann es passieren, dass Menschen total verkrampfen, weil sie sich nur noch mit der Technik beschäftigen. Sie verlieren die Freude und die Schönheit des Singens völlig aus den Augen. In Glaubensdingen kann das auch passieren, wenn man glaubt, es machen zu können allein aus eigenem Verstand, eigener Willensstärke und mit der Durchsetzung einer bestimmten Ordnung und Methode.

Jesus, so wie Matthäus ihn beschreibt, würde dafür plädieren, den Atem einfach fließen zu lassen, Gott einfach Raum zu geben, seine Nähe zu suchen und ihn wirken zu lassen. Und dann würden wir merken: Es sind nicht wir, die den richtigen Weg zu Gott finden. Es ist Gott, der so hartnäckig ist in seiner Liebe zu uns, und sich uns zuwendet. Wenn das nur so einfach wäre!

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. (Mt 11,29)

Ruhe finden. Tief durchatmen. Spagat zwischen Arbeit und Familie. Sorge um Angehörige oder Freunde. Einsamkeit oder Krankheit. Das sind Dinge, die machen das Leben schwer, und wir sehnen uns nach Ruhe. Ruhe für die Seelen verspricht Jesus. Eine innere Ruhe, die man nicht so leicht selber machen kann… oder auch gar nicht selber machen kann.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt11,29-30)

Ein sanftes Joch. Ein richtiges „Joch“, das kennen hierzulande zumindest die jüngeren nur noch aus dem Museum, die älteren kennen es vielleicht noch aus der Landwirtschaft. Es gibt sie noch, auf Feldern in Asien oder Afrika, wo mit Ochsen geackert wird. Oder bei Frauen, die das Wasser vom kilometerweit entfernten Brunnen in ihre Dörfer tragen.

Es gibt auch Joche bei uns: Angst, Überlastung, Einsamkeit, Krankheit. Aber nicht nur das allein. Unser „Joch“, meine ich, ist die Verantwortung, die wir tragen. Wir alle tragen verantwortung nicht nur für uns allein, sondern für sehr, sehr viele andere Menschen in dieser Welt. Wie wir leben, beeinflusst andere. Im direkten Umfeld zum einen – Kinder, Partner, Freunde, Nachbarn, wie es denen geht, hat auch mit uns etwas zu tun.

Wie wir in der westlichen Welt leben, hat Einfluss auf ungezählte andere. Menschen, die unseren Kaffee pflücken, die unsere Kleider nähen, die noch deutlich eher von den Folgen des Klimawandels betroffen sein werden als wir hier.

Unser Joch ist es: wir wissen um sehr viel Not, mitten unter uns und auch in weiteren Kreisen um uns herum. Und wir wissen zugleich, dass sich da nur mit mühsamer Kleinarbeit etwas machen lässt. Und dass wir in manchen Fällen auch tatsächlich einfach NICHTS machen können. Hier Ruhe bewahren, wo man doch so gern was ändern möchte, das ist ganz schön schwer.

Gott verspricht Ruhe. Es ist eine Ruhe, die Ostern kennt. Die weiß: Gott ist doch stärker als alles Leid und aller Streß.

Der Evangelist Matthäus stellt Jesus auf eine ganz besondere Art und Weise dar. Jesus ist ohne jeden Zweifel Gottes Sohn – aber er ist ebenso ohne Zweifel ganz Mensch, und darum ganz auf der Seite der Menschen. Er steht fest, ruhig, gelassen da. Solche Ruhe ist wie ein absolut gleichmäßiger und entspannter Atem. Solche Ruhe heißt: ich spüre in aller Unruhe und in aller Verantwortung, dass ich aufgehoben und geborgen bin. Und erst dadurch kann ich in der Welt etwas tun.

Solche Ruhe breitet sich aus, wenn wir zugeben, dass wir belastet und beladen sind. Die Mühseligen und Beladenen: Das sind nicht nur die Menschen, die ganz offensichtlich ein schweres Joch von Armut, Krankheit, Not und Kummer zu tragen haben. Das sind wir alle, jede*r auf seine Art. Erst wenn wir diesen Seufzer, dieses Ausatmen zulassen und sagen können: ja, das macht mir Mühe, das geht mir durch den Kopf, das macht mich ganz verrückt, dass es für die Probleme, die überall mit Händen zu greifen sind, keine Lösung gibt – erst dann können wir erleben, was es heißt, dass Gott uns trägt. Wie es aussieht – das weiß ich nur für mich. Es gibt kein festes Schema, es gibt keine verbindlichen richtigen Übungen für alle. Aber ich vertraue darauf, dass es so ist, und dass wir nicht alles selber machen müssen. Und das, finde ich, tut unendlich gut.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Und Gottes Ruhe, die von anderer Art ist als wir sie kennen, bewahre uns, und unsere Sinne in Christus Jesus - Amen.

 

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