Ansprache zum Volkstrauertag 2018 auf dem Wendelsteiner Waldfriedhof von Pfr. Heinritz

Liebe Wendelsteiner Bürgerinnen und Bürger,

Volkstrauertag 2018. Ein denkwürdiges Jahr. Wir feiern die erste Demokratie vor 100 Jahren in Bayern und in Deutschland. Wir gedenken aber auch der Schrecken vor 400, vor 100, vor 80 Jahren.

Volkstrauertag 2018. Vor 400 Jahren, im Jahr 1618, begann der dreißigjährige Krieg. Was mit dem Bestreben begann, die eigene Religion zu leben, endet im Chaos und in Gräueltaten und entvölkerten Landstrichen. Wollten sich zu Beginn die mehrheitlich evangelischen Böhmen der katholischen Herrschaft entziehen, um ihren Glauben frei leben zu können, mündete das Ganze bald in einen barbarischen Krieg, in dem sich katholische und evangelische Länder quer verbündeten und es nur noch um Macht ging oder gar nur noch um Plünderung, Vergewaltigung und Todschlag. In Teilen Süddeutschland überlebten die Kriegshandlungen, Hungersnöte und Seuchen nur ein Drittel der Bevölkerung. Ein Drittel! Es ist selten gut gegangen, wenn Religion dem Machterhalt dienen sollte. Die Folge: Der Missbrauch des Glaubens für Hass und Gewalt.

Was für ein Segen, dass wir als Evangelische und Katholische in der Ökumene gelernt haben das Gemeinsame zu sehen. Was für ein Segen, dass wir einander nicht mehr bekämpfen, sondern miteinander für Nächstenliebe und Frieden eintreten. Was für ein Segen, dass bei uns Religionsfreiheit herrscht, auch für Andersgläubige. Gott sei Dank.

Volkstrauertag 2018. Vor 100 Jahren, im Jahr 1918 endete der erste Weltkrieg. Vier Jahre zuvor sind die Deutschen jubelnd dem Kaiser gefolgt und in den Krieg gezogen. „Gott mit uns“ stand auf dem Koppelschloss der Soldaten. Die Waffen wurden gesegnet, mehr von den nationaler eingestellten Evangelischen als von den Katholiken. Doch die Begeisterung wich schnell dem Schrecken. Stellungskriege in Schützengräben, Giftgaseinsätze, die Lungen und Gesichter verätzten, sinnloses Anrennen gegen die Stellungen des Gegners und Sterben im Stacheldraht. 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben. 17 Millionen Menschen! Das ist mehr als 1100 mal die ganze Bevölkerung Wendelsteins. Einfach ausgelöscht. Am 11. November 1918 schließlich der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den beiden Westmächten Frankreich und Großbritannien.

Gott sei Dank, kommt heute – zumindest in Europa - niemand mehr auf die Idee, Waffen zu segnen. Welch eine Anmaßung ist es doch, mit dem Worten „Gott mit uns“ in den Krieg zu ziehen. Auf welcher Seite hätte Gott denn stehen sollen? Gott steht nie auf Seiten der Kriegstreiber. Gott steht immer auf Seiten der Opfer.

Volkstrauertag 2018. Vor 80 Jahren am 9. November 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte zerstört. Es war der Auftakt zum schlimmsten Genozid auf deutschen Boden, zum Völkermord an den Juden. Am Ende 6 Millionen ermordete Juden: Männer, Frauen, Kinder, alte und junge, gebildete und einfache Leute, nur weil sie Juden waren. Und es waren bei den Untaten auch Christen dabei oder solche, die sich dafür hielten. Hatten die Juden nicht Christus auf dem Gewissen? Nur wenige Christen erhoben damals dagegen die Stimme. Zu wenige!

Und heute 80 Jahre danach wieder Antisemitismus in Deutschland. Nicht im großen Stil, aber doch vorhanden. Und neue Sündenblöcke: Flüchtlinge, Muslime, Araber. Wenn wir als Christen doch eines gelernt haben sollten, dann das: mit dem Sündenbock Jesus, der nun tatsächlich unsere Sünde trug, war das Ende aller Sündenböcke gekommen. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? (Lk 6,41)

Volkstrauertag 2018. Noch ein Datum: Vor 70 Jahren, am 22. August 1948 trat in Amsterdam die erste Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen zusammen. Am 23. August wurde der ökumenische Rat der Kirchen offiziell gegründet. Die erste und wichtigste Botschaft von damals: Krieg soll nach dem Willen Gottes nicht sein. Hinter diesen Satz gibt es kein Zurück. Keine Kriege im Namen Gottes. Keine Gewalt im Namen Gottes. Keinen Terror im Namen Gottes. Keinen Hass im Namen Gottes. Wer sich daran nicht hält, missbraucht Gottes Namen, missbraucht Religion – über alle Konfessionen und Religionsgrenzen hinweg. Krieg soll nach dem Willen Gottes nicht sein.

Volkstrauertag 2018. Wir sind heute hier auf dem Wendelsteiner Waldfriedhof und Gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt. Wir tun es im Bewusstsein: Gott steht auf Seiten der Opfer, auf Seiten der gefallenen Soldaten, deutsch, französisch, englisch, russisch – wie auch immer; auf Seiten der weinenden Angehörigen, die oft noch nicht einmal den Ort des Sterbens kennen; auf Seiten, all derer die wegen ihrer Religion oder ihres Glaubens verfolgt werden; auf Seiten derer, die gefoltert, geschunden, gequält und getötet werden wo auch immer auf dieser Welt. Auf deren Seite steht Gott. Und auf deren Seite ist auch unser Platz als Christinnen und Christen.

Und so lasst uns im Gedenken an diese Menschen miteinander beten: Vater unser ...

Pfarrer Norbert Heinritz am 18.11.2018

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