Der Trost Gottes - Predigt an Lätare 2016 von Pfr. Norbert Heinritz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext 2 Kor 1,3-7:
Dank für Gottes Trost in Trübsal
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2 Kor 1,3-7)

Liebe Gemeinde,

„es ist schön, dass Sie da sind. Das tut mir gut. Das ist jetzt sehr tröstlich." So die Worte der älteren Frau, die mir gegenüber im Krankenbett liegt. Sie hat meine Hand ergriffen und hält sie fest. Sie ist schwerkrank, seit einiger Zeit im Krankenhaus. Eine schwere Operation hat sie hinter sich. „Ich bin noch einmal dem Tod von der Schippe gesprungen", erzählt sie. Aber ob es wirklich wieder gut wird? Das weiß sie nicht, das wissen die Ärzte nicht, das weiß niemand.

„Es ist schön, dass Sie da sind. Das hat tut mir gut. Das ist jetzt sehr tröstlich." Nachher sitze ich im Auto und wundere mich – mal wieder, wie so oft nach solchen Besuchen. Ich habe eigentlich nicht viel gemacht. Ich bin einfach da gewesen. Ich habe mir ihre Geschichte angehört. Sie hat viel erzählt von der Krankheit, den Kindern, der Angst, der Sorge. Ich habe einfach nur zugehört.

Ja, wahrscheinlich ist es das, was tröstet: Dass da einfach jemand da ist, der zuhört, das Leid ernst nimmt, es aushält – es auch aushält, dass es auf so vieles keine Antwort gibt: warum, weshalb und wie geht es weiter?

„Meine Kinder sagen: Das wird schon wieder", erzählt mir die Frau, „ich weiß, sie meinen es gut. Aber ich bin mir da gar nicht sicher, ob das wieder wird. Sie wollen nicht sehen, wie schlecht es mir geht. Und ich traue es Ihnen auch gar nicht zu sagen." – Auch das gibt es, dass man lieber die Augen vor dem Leiden zu macht, nicht hinsehen möchte. Weil es zu schlimm ist, dem Leid in die Augen zu blicken, weil es zu sehr weh tut, weil man es vielleicht nicht aushalten und ertragen kann. Und man möchte ja Mut machen: Das wird schon wieder.

Erstaunlich und paradox ist es, das mit dem Trost. Tröstlich ist es nicht, das Leid klein zu reden oder über das Leid hinweg zu sehen. Tröstlich ist es, dem Leid in die Augen zu blicken, es auszuhalten und trotzdem die Hoffnung nicht aufzugeben.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. Dazu muss sich selber dem Leid stellen und es dann auch mit anderen teilen – es eben mit-teilen. Denn ein anderer kann nur Anteil nehmen, wenn er auch Anteil bekommt. Leid mitzuteilen und damit zu teilen, tröstet. Das weiß auch Paulus. Deshalb schreibt er in unserem Bibelwort auch in der Mehrzahl: uns – wir – euch. Nicht ich allein mache das mit mir aus.

Wer nie gelitten hat, weiß auch nicht, wie man tröstet. So hat es Dag Hammarskjöld, der ehemalige UN-Generalsekretär formuliert. Paulus kennt das: Leid, Trübsal, Niedergeschlagenheit. Er weiß, wovon er redet. Wahrscheinlich sind daher seine Worte so eindrücklich und überzeugend. In den Versen gleich nach unserem Predigttext schreibt er von der Bedrängnis, in die er selbst geraten war. Er war so verzagt, dass er glaubte, dass er sterben müsse. Dem Tod war ich nah, schreibt er. Was genau es war, erfahren wir nicht. Aber es muss eine bedeutsame Erfahrung für ihn gewesen sein. Sein Halt war im Leiden sein Vertrauen auf Gott, der vom Tod errettet. Nicht auf die eigene Macht zu setzen, sondern auf den Gott des Lebens, das hat Paulus getröstet.
Und das führt – manchmal sogar mitten im Leiden – zum Lobe Gottes: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Schöne, warme, tragende Worte sind das, die Paulus da spricht. Doch: Was ist das eigentlich: Trost? Getröstet werden?

Es lohnt sich bei diesem Wort in das Herkunftswörterbuch zu sehen. Trost und Treue haben den gleichen Wortstamm, erfahren wir da. – Aha: wenn einem jemand treu ist, ist das tröstlich – stimmt! Und weiter erfahren wir: Ursprünglich bedeutete das Wort Trost „innere Festigkeit" – „einen festen Halt haben". – Aha, einen festen Halt bei Menschen zu haben, einen festen Halt im Glauben zu haben, das ist tröstlich – stimmt! Und dann erfahren wir noch: Trost ist mit dem englischen Wort „trust" verwandt, und das heißt „vertrauen". Genau: Wer vertraut, findet Trost. Wenn jemand sagt: „Du bist nicht ganz bei Trost", heißt also: Dir fehlt der feste Halt, das Vertrauen, der Untergrund, das Fundament, auf dem du stehen kannst.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. Der Gott allen Trostes – mit anderen Worten: Gott ist der, bei dem wir im Leiden, in schwierigen Zeiten, in Trübsal, in Verzweiflung Halt finden.

Manchmal werde ich gefragt: „Wie können Sie das, andere Menschen in schwierigen Zeiten begleiten, im Krankenhaus, auf dem Friedhof, in Krisen? Wie können Sie das?" – Ehrlich gesagt: Das ist nicht immer leicht. Es kann eine ziemliche Herausforderung sein, das Leid der anderen mitzutragen und auszuhalten. Vor allem, wenn ich jemanden kenne, Sympathie empfinde, eine Geschichte mit ihm oder ihr haben, ihn oder sie mag.
Ich kann das alles nur, weil ich mich selber getragen fühle – meistens jedenfalls – , weil ich darauf hoffe, dass er, der Gott allen Trostes mich hält. Paulus hat das mit seinen Worten gesagt: unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

Heute werden Sie, Herr Vogel, als Kirchenvorsteher verabschiedet und Sie, Herr Strattner, in das Amt als Kirchenvorsteher eingeführt. Ich habe mich gefragt, was dieses Bibelwort heute mit Kirchenvorstandsarbeit zu tun haben könnte. Im Kirchenvorstand diskutiert man über Baumaßnahmen, Finanzen, Personalfragen. Da geht es z.B. wie am vergangenen Donnerstag darum, ob wir das Jugendbüro für die Asylsozialarbeiterin zur Verfügung stellen. Da diskutieren wir über den Anschluss einer Schwerhörigenschleife in der Kirche. Da beschließen wir, dass ein Benefizkonzert für die Lebenshilfe hier in der Kirche stattfinden kann.

Was hat das alles mit Trost zu tun? Im Grunde sehr viel, wie ich meine. Die Arbeit im Kirchenvorstand ist ja kein Selbstzweck, sondern sie soll dem Wohl der Menschen dienen. Sie soll dazu dienen, dass Menschen getröstet werden, dass sie Halt im Glauben finden, dass das Wort Gottes, das Wort des Gottes allen Trostes verkündet wird. Und wie wichtig das ist, merkt man, wenn es einen selber erwischt oder einen Menschen, der einen nahesteht. Trösten - das ist nicht nur die Aufgabe eines Pfarrer oder einer Pfarrerin, sondern eben auch der Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher und der ganzen Gemeinde. Daran erinnert uns heute auch unser Bibelwort.

Aber zu allererst sind wir getröstet. Manchmal frage ich am Ende eines Besuches, ob es recht wäre, wenn wir miteinander beten. Damit der Trost Gottes auch laut wird. Die alten Dame, die ich im Krankenhaus, hat sich jedenfalls gefreut. Ich habe ich ein freies Gebet gesprochen und wir haben gemeinsam das Vaterunser gebetet. Das hat sie sehr berührt. Das ist der tiefste Trost, den wir haben können, dass wir alle letztendlich eben doch in Gottes Hand stehen, in der Hand des Gottes allen Trostes. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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