Gedanken zum Sonntag Kantate von Pfrin Johanna Graeff

Wie wird es sein, heute? Gottesdienst wieder in der Kirche – zum ersten mal seit Wochen. Aber mit strengen Regeln, mit Abstand, mit Mundschutz... in der Runde der Pfarrerinnen und Pfarrer haben wir überlegt: Wie wird sich das anfühlen? Sollen wir überhaupt schon anfangen, uns zu treffen? Ein normaler Gottesdienst, so wie wir ihn kennen, wird es ja nicht sein.

Vor ein paar Wochen noch habe ich gedacht: wenn wir wieder in der Kirche zusammen feiern dürfen, dann wird es ein nachgeholter Ostergottesdienst. Aber jetzt denke ich: Das will so recht nicht passen. Es ist ja noch nicht alles überwunden, es ist ja noch nicht alles wieder gut.

Allerdings: Das war es damals an Ostern ja auch nicht. Ja, Jesus war auferstanden. Ja, er hatte gezeigt: Gott ist stärker als der Tod! Und alle, die an ihn glauben, werden aus diesem Glauben Kraft finden und Erfüllung.

An der Welt außenherum hat das aber erst mal nicht wirklich etwas geändert. Menschen, die Gottesdienst feiern wollten, haben das unter äußersten Sicherheitsvorkehrungen getan. Daran war kein Virus schuld, eher die politische Lage. Aber es waren ziemlich sicher nicht immer nur fröhliche Feiern.

Wir haben in den letzten Wochen Gottesdienst gefeiert auf ganz andere Art und Weise als wir es bisher kannten. Zu Hause in der Familie, vor dem Fernseher oder vor einem YozTube-Video, mit einer Lese-Andacht, die Gemeinden auf der Homepage zur Verfügung gestellt haben oder ausgedruckt und in den Briefkasten geworfen. Viel neues ist ausprobiert worden. Manches werden wir behalten und weiter entwickeln. Heute in der Kirche ist es auch nicht „wie immer", sondern trotz allem Vertrauten ganz anders und ganz neu. Und mancher kann oder will (noch) gar nicht in die Kirche kommen, sondern feiert noch „ganz anders".

Gottesdienst ganz anders – davon erzählt das Buch der Chronik. Aus dem Rückblick wird erzählt, wie König Salomo den Tempel in Jerusalem bauen ließ. Als der fertig war, wurde er eingeweiht, mit einem Gottesdienst, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Salomo ließ alle Ältesten Israels kommen. Sie sollten die Bundeslade - das größte Heiligtum des Landes - in den neuen Tempel begleiten. Sie kamen alle, mit ihren Familien und ihren Stammesangehörigen. Die Priester brachten die Stiftshütte und die Lade in den neuen Tempel. Und dort, berichtet die Chronik, standen östlich vom Altar „alle Leviten, die Sänger waren, ... mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saiten-spiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus er-füllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes." (2. Chronik 5, 12-14)

So etwas war neu. Singen, musizieren, Lobpreis im Gottes-dienst, Beteiligung des Volkes – das war in dieser Form neu. Und plötzlich ist Gott da, erfüllt das Haus, so dass die Priester zunächst mal gar nicht tun können, was sie ge-plant haben.

Die Musik war hervorragend einstudiert. Über 120 Musi-ker, und es klingt, als wäre es Einer? Ja, das Beste ist für Gott gerade gut genug. Jeder soll sehen: Hier sind die, die an Gott glauben. Hier sind die, die ihn in Ehren halten und die wissen: Gott ist für uns da. Gott ist der Lebensspender und Erhalter, alle sollen sehen, wie groß und wie gut er ist. Dieser Gottesdienst ist ein öffentliches Statement: Schaut her! Wir sind da, weil wir unseren Gott loben wollen! So wichtig ist er für uns!

Die Musik tut ein weiteres: Sie verbindet. Die Musiker sind vereint in dem, was sie tun. Sie hören aufeinander. Sie ge-ben aufeinander Acht. Nur dadurch klappt es, dass alles so wunderbar zusammen klingt zum Lob Gottes.

Und dann kommt ER. Erfüllt den Tempel mit seiner Ge-genwart, dass alle ein heiliges Staunen erfasst. Niemand kann das machen. Die Musik kann so gut sein, wie sie will: Gott allein entscheidet, wann und wo er kommt. Hier kommt er und will seinen Menschen nahe sein. Und alle spüren es. Aber niemand hat ihn „herbeigesungen" oder ihn durch einen bestimmten Ritus „hergeholt", sondern nur Gott hat das entschieden.

Gottesdienst ganz anders – und plötzlich ist Gott da. Wir können heute nicht musizieren wie die Musiker damals. Aber wir sind zusammen im Gebet. Wir können in Gedan-ken singen oder auch ein ganzes Konzert aufführen. In der Kirche oder zu Hause oder vielleicht auch draußen beim spazieren gehen. Wir loben Gott, mit Gedanken, mit leisen Worten oder Musik im Kopf.

Wir loben Gott – und dann erzählen wir ihm auch, was uns zu schaffen macht: Die Einsamkeit, die wir erleben. Die Un-sicherheit, die noch lange unser Begleiter bleiben wird. Die Überforderung mit Arbeit und Kindern zu Hause. Den Frust über Lobbyisten, die Geld für große Konzerne fordern, während Selbständige ums Überleben kämpfen müssen. Die Trauer, dass Menschen in Lagern leben müssen und niemand sich zuständig fühlt.

Wir feiern heute keinen rauschenden Festgottesdienst. Aber wir sind da, zusammen, vor Gott. Wir lassen unsere Gedanken gemeinsam klingen, zu seinem Lob. Wir können Gott nicht „herbeten". Aber ich möchte glauben: überall da, wo heute Zwischenräume sind – überall da, wo Men-schen in ihren Häusern Gottesdienst feiern – da ist Gott präsent. Da füllt ER die Lücken aus.

Bleiben Sie behütet
Ihre Pfarrerin Johanna Graeff

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