Gedanken zu Pfingsten von Pfarrer Norbert Heinritz

Wir feiern Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, der Begeisterung, der Freude und ein Fest des Sich-Verstehens. Neben Weihnachten und Ostern ist es das dritte Hochfest im Jahr. Wir merken es daran, dass auch Pfingsten einen zweiten Feiertag hat. Und zwei Wochen Ferien gibt es auch noch dazu. So bedeutsam ist also das Pfingstfest, dass es zwei Tage zum Feiern hat und natürlich auch Gottesdienst am Pfingstsonntag und Pfingstmontag.

Trotzdem kommt Pfingsten nicht Weihnachten und Ostern hinterher. Bei diesen beiden Festen gibt es Geschenke zum Auspacken und schöne Dinge zum Anfassen und Ansehen: Zweige, Sterne, Kerzen und Osterglocken, Osterlämmer und farbige Ostereier. Irgendwie sind die biblischen Geschichten an Weihnachten und Ostern auch anschaulicher. Die Geburt eines kleinen Kindes, noch dazu in ganz ärmlichen Verhältnissen, berührt unser Herz. Der Sieg des Lebens über den Tod spricht unsere Sehnsucht an. Aber das mit dem Heiligen Geist? Was soll man sich unter dem Heiligen Geist vorstellen? Die Kinder in der Schule denken, der Heilige Geist wäre halt ein besonderes kirchliches Gespenst.

Pfingsten kommt Weihnachten und Ostern nicht hinterher. Eigentlich schade, denn Pfingsten ist ein Fest der Begeisterung, der Freude und des Sich-Verstehens.

Wir lesen in der Apostelgeschichte: Noch sitzen die Jünger und Jüngerinnen niedergeschlagen beieinander im Haus. Wie soll es weitergehen? Irgendwie hat sich alles geändert. Jesus ist nun nach der Himmelfahrt endgültig nicht mehr da. Und dann geschieht es: Ein großer Wind und Feuerflammen erfüllen das ganze Haus.  Alles kommt in Bewegung. Die Wände scheinen wie weggeblasen. Es gibt keine Abgrenzung mehr von den andern. Plötzlich sind die Jünger und Jüngerinnen mittendrin in der Menge. Erfüllt vom Heiligen Geist predigen sie – im wahrsten Sinn be-geistert – in vielen verschiedenen Sprachen. Eine wunderbare Geschichte der Entgrenzung und des Sich-Verstehens ist das.

In der Bibel gibt es dazu eine Gegengeschichte. Es ist der uralte Mythos vom Turmbau zu Babel. Immer höher wollte die Menschheit hinaus, immer weiter, immer mehr. Ein großes, globalisiertes Projekt sollte dieser Turmbau werden. Sie  wollten sein wie Gott. Aber sie bekamen einen Denkzettel. Gott verwirrte ihre Sprachen. Sie konnten sich nicht mehr verstehen und so scheiterte ihr Ansinnen. Diese alte Geschichte ist keine Erzählung von früher, sondern die andauernde Geschichte vom Größenwahn der Menschen.

In den letzten Wochen habe ich oft daran denken müssen. Haben wir es nicht übertrieben mit unserem immer höher, immer weiter, immer mehr? Wachstum um jeden Preis? Die Gier nach mehr scheint uns allen ziemlich eingepflanzt zu sein. Und dann kommt so ein kleiner Virus und zwingt zum Lockdown. Ist das auch ein Denkzettel? Ich habe mich schon gefragt: Täte es uns nicht gut, wenn alles etwas kleiner, etwas langsamer, etwas demütiger wäre?

Der Größenwahn in Babylon führte dazu, dass Gott die Sprache verwirrte. Die Menschen konnten sich nicht mehr verstehen. Und heutzutage? Gelingt es uns auf der Welt und in unserem Land einander zu verstehen? Mein Eindruck ist, dass der Wille und der anschließende Versuch, einander zu verstehen, zurückgegangen ist. Immer mehr basteln sich ihre Wahrheit so zusammen, wie es ihnen gefällt. Faktenchecks, nein, danke! Manche verfallen gar kruden Verschwörungsideen. Und diejenigen, die das Gespräch auch mit Gegnern und Andersdenkenden suchen, werden diffamiert.

Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

Ein Merkmal des Heiligen Geistes ist das Sich-Verstehen. Das braucht es immer wieder aufs Neue, dass wir einander verstehen. Für mich heißt das, Freude am anderen haben, gerade am Fremden; neugierig sein, was den anderen bewegt und wie er oder sie denkt; Zuhören können, was andere einem sagen und erzählen; begeistert sein von den Begegnungen, die man hat – oder wie man heutzutage sagt: empathisch und mitfühlend und mitdenkend sein.

In dieser wunderbaren Pfingstgeschichte klingt das so einfach: Feuer, Sturm und dann begeistert raus in die Menge. Die Sprache des anderen zu sprechen, also „dem Volk aufs Maul schauen“, wie Martin Luther es sagt, ist im Allgemeinen aber nicht so leicht. Den andern wirklich zu verstehen und sich verständlich zu machen, kann ganz schön Mühe kosten. Da braucht es einen Geist der Geduld und des langen Atems. Das geht nicht mit Twitterbotschaften und lauten Parolen.

Das wünsche ich mir zu Pfingsten, dass wir Christen den Geist des Sich-Verstehens in die Welt tragen. Wenn nicht wir, wer dann gibt sich die Mühe, immer wieder auf den anderen zuzugehen, Verständigung zu suchen und gerade auch dem Gegner die Hand zur Versöhnung zu reichen. Das heißt ja nicht, alles gut zu heißen. Oft muss man auch widersprechen, wo es nötig ist. Aber es heißt, im andern immer den zu sehen, dem die Liebe Gottes genauso gilt wie mir.

Das wünsche ich mir zu Pfingsten, dass Gott uns mit diesem Geist begeistert, der die Sprech- und Denkbarrieren überwindet.

Ihnen ein frohes und gesegnetes Pfingstfest!

Ihr Pfarrer Norbert Heinritz

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