Gedanken zu Trinitatis

Am Ende eines jeden Gottesdienstes wird uns der Segen zugesprochen. Im Segen liegt die ganze Kraft Gottes. Es sind meist die Worte des sogenannten aaronitischen Segens aus dem 4. Buch Mose: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6,24-26)
Diese Segensworte sind Worte, die schaffen, was sie sagen.

Der Segen ist nicht einfach ein frommer Wunsch. Es ist nicht eine Abschiedsformel wie „Mach's gut!" – „Pass auf dich auf!" Es sind Worte, die schaffen, was sie sagen. Es ist wie bei einer Liebeserklärung. Wenn ich zu jemanden sage „Ich liebe dich", dann ist das ja nicht nur eine sachliche Mitteilung oder ein schöner Wunsch, sondern diese Worte erschaffen das, was sie sagen: Beziehung und Liebe und es wird einem warm ums Herz.

Der Segen schafft die Verbindung mit Gottes Kraft. Er ist eine Liebeserklärung Gottes an uns. Die Worte des Segens und die Gesten dazu nehmen mit hinein in das Kraftfeld von Gottes Liebe und Frieden. Im Segen wird Gottes Kraft geschenkt, gewissermaßen auf den Gesegneten übertragen.

Manche meinen ja, sie bräuchten diese Kraft nicht. Aber unser aller Leben speist sich daraus. Es ist die Gnade Gottes, dass wir sein und leben dürfen. Wir alle leben aus seinem Segen.

Früher musste aus jedem Haus eine Person den Gottesdienst besuchen, damit diese den Segen mit nach Hause brächte. Ja, genau darauf kommt es an, dass wir den Segen mit hinausnehmen ins Leben, in die Welt, nach Hause. Der Segen verbindet uns mit Gottes Kraft. Es ist gewissermaßen wie bei der Tankstelle. Durch den Segen tanken wir bei Gott auf. Die Segensworte sind Treibstoff für die kommende Woche.

Der Segen ist ein Geschenk. Man kann ihn sich nicht nehmen. Man kann ihn sich auch nicht selber geben. Man kann nur darum bitten und ihn sich schenken lassen. Den Segen empfängt man.

Im Gottesdienst stehen wir beim Segen aus Ehrfurcht vor Gott. Wir stehen, weil wir so ausgerichtet sind von oben nach unten, zwischen Himmel und Erde. Verankert sind wir auf dem Boden dieser Welt, durch die wir unser Leben lang gehen und ausgerichtet auf Gott, dessen Kraft wir empfangen. Gottes Kraft und Energie will uns durchfließen von oben nach unten. Sie will uns erfüllen von den Haar- bis zu den Zehenspitzen.

Den Segen empfängt man – und man kann ihn weitergeben. Im 4. Buch Mose lesen wir, wie Aaron und seinen Söhnen, die alle Priester waren, aufgetragen wird, das Volk zu segnen. Sie besitzen den Segen nicht, sie haben ihn nicht, Gott selbst schenkt den Segen. Er ist der Handelnde im Segen. Nicht der Pfarrer oder die Pfarrerin spendet den Segen, auch nicht Bischöfe, Kardinäle oder der Papst. Gott selbst spendet seinen Segen. Die Geistlichen sind gewissenmaßen nur der Kanal, durch den der Segen zum anderen fließt. Sie sind Werkzeug Gottes.

Zu so einem Werkzeug kann jeder und jede von uns werden. Segnen kann jeder, der sich öffnet für Gott und für seine Liebe. Früher wurde viel häufiger gesegnet als heutzutage. Mütter haben ihren Kindern ein Segenswort mitgegeben, wenn sie das Haus verließen. Auf das Brot wurde ein Kreuzeszeichen gemacht, bevor man es anschnitt. Und selbst das kurze, fränkische Wörtchen „Ade" ist ein kleines Segenswort. „Ade" heißt eigentlich „A Dieu" und das bedeutet übersetzt: „Gott befohlen". Jedes Mal, wenn wir uns mit diesem fränkischen Wörtchen „Ade" verabschieden, sprechen wir ein kurzes Segenswort. Das ist doch schön – oder?

Ganz genauso verhält es sich übrigens mit unserem lässigen „Tschüss". Es kommt von „adjüs", wie man es in Norddeutschland gesagt hat und auch das bedeutet wiederum „A Dieu" – Gott befohlen.

Das deutsche Wort „segnen" kommt vom lateinischen Begriff „signare" und das bedeutet: mit einem Zeichen versehen. Im Wort „Signal" steckt auch dieses lateinische Wort. Das Kreuzeszeichen ausgeführt mit der Hand oder gezeichnet mit dem Finger ist das sichtbare christliche Zeichen des Segens. Philipp Melanchthon hat gesagt: Die Bezeichnung mit dem Kreuz sei die „kürzeste Predigt". Es macht sichtbar, dass in Christus alle Kraft des Segens zusammenfließt: Er, der Gekreuzigte und Auferstandene.

Ein Erlebnis erzähle ich des Öfteren bei Taufen, weil es mich sehr beeindruckt hat. Es war bei der Taufe eines fünfjährigen Jungen. Er hatte schon schwere Zeiten hinter sich, weil er als kleines Kind an Leukämie erkrankt war. Nach langen Krankenhausaufenthalten und Therapien galt er als geheilt. Nun konnte die Taufe stattfinden. Im Taufgespräch wollte ich nicht nur mit den Eltern sprechen, sondern redete auch mit dem Buben. Ich sagte ihm: „ Am Anfang der Taufe mache ich dir ein Kreuzeszeichen auf die Stirn." Er schaute mich erstaunt an und fragte: „Mit einem Stift oder wie?" – „Nein, nur mit meinem Finger", antwortete ich. Da überlegte der Fünfjährige einen Moment und sagte dann diesen großartigen Satz: „Dann habe ich mein Leben lang dieses unsichtbare Kreuz auf meiner Stirn."

Die Taufe bedeutet genau das, dass wir unser Leben lang dieses unsichtbare Zeichen des Kreuzes tragen. Wir sind Gesegnete Gottes.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine Woche unter Gottes reichem Segen.
Ihr Pfarrer Norbert Heinritz

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