Gedanken zum Kirchweihsonntag

Ein Pfarrer erzählt von einer Begebenheit auf einem Bahnsteig der U-Bahn in Frankfurt: Ich wollte gerade die Treppe betreten, die nach unten zu den Zügen führt. Da stolperte ein Betrunkener mit einer Bierflasche in der Hand die Treppe herauf. Irgendetwas brabbelte er vor sich hin. Dann wankte er auf mich zu, blieb vor mir stehen, der Bierdunst schlug mir ins Gesicht. Mit seiner Flasche tippte er gegen meine Brust und fragte: „Glaubst du an Gott?“ Darauf war ich nicht gefasst. Nachmittags um 17.10 Uhr auf einem U-Bahnsteig. Meine U-Bahn konnte jeden Augenblick kommen. Sollte ich dem Betrunkenen auf diese Frage antworten? Sollte die Frage vielleicht ein Witz sein?

Aber der Betrunkene war noch gar nicht fertig. Bevor ich antworten konnte, fügte er eine zweite Frage an: „Gehst du in die Kirche?“ Was mir da durch den Kopf ging: Sieht man mir den Pfarrer also doch an? Haben Betrunkene vielleicht doch diesen fast hellsichtigen Sinn anderen Menschen gegenüber, den man ihnen manchmal nachsagt?

Ich wollte nicht antworten. Die Situation war mir einfach zu peinlich. Aber das Gesicht des Mannes war mir so nahe, dass ich ihm nicht ausweichen konnte. Ich antwortete dann doch, unüberlegt, spontan. Ich sagte nur: „Ja!“ Dann wollte ich eigentlich weiterreden und ihm das noch erklären. Aber er wollte gar keine Erklärung. Er sagte nur – und das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen – er sagte nur: „Mensch, du hast's gut!“

Erst in diesem Augenblick sah ich den Mann richtig. Sein Gesicht war müde, unendlich traurig, kaputt sah er aus. Weiter hat er nichts gesagt. Sekunden später verschwand er in der Menge der Pendler und Passanten und ich konnte – sehr in Gedanken – hinuntergehen auf den Bahnsteig. Meine U-Bahn habe ich noch bekommen.

Warum erzähle ich Ihnen heute diese Geschichte? Weil ich meine, dieser betrunkene Mann hat es auf den Punkt gebracht: Wir haben es gut. Wir haben es gut, dass wir an Gott glauben können und dürfen. Wir haben es gut, dass wir in die Kirche gehen können und dürfen, hier in unsere schöne Wendelsteiner St. Georgskirche. Wir haben es gut.

Eigentlich wäre an diesem Wochenende in Wendelstein der Bär los. Wendelsteiner Kirchweih im Altort – das ist in Wendelstein ein Höhepunkt im Jahr. Doch Corona macht dem Ganzen nun einen Strich durch die Rechnung. Schade natürlich.

Kärwa - so nennen wir Franken die Kirchweih. Viele denken dabei nicht mehr an die Kirche. Natürlich ist der Kirchweihtag auch ein kirchlicher Festtag im Kirchenjahr.

Wir wissen leider nicht mehr, wann genau unsere schöne St. Georgskirche geweiht wurde. Ihre Geschichte liegt im Nebel des Mittelalters. Aber sicher wurde sie eingeweiht, vielleicht sogar mehrmals nach Neu- und Umbau. In der katholischen Kirche ist die Kirchenweihe bis heute mit dem Patrozinium, also mit dem Schutzheiligen des Gotteshauses verbunden. Der Tag des heiligen Georg ist der 23. April. Vielleicht war das ursprünglich der Kirchweihtag.

Wir können jedenfalls sagen: Wir haben es gut, dass wir in Wendelstein diese schöne Kirche haben. Wie viel Mühe, Kraft und Geld haben in früheren Zeiten unsere Vorfahren dieses Gotteshaus gesteckt.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. (Psalm 84)  So hat es Psalmbeter formuliert. Ein wunderbarer Psalm zum Kirchweihfest. Der Psalmbeter besingt den Tempel, das Haus Gottes, mit großartigen Worten. Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

In einer modernen Übertragung des Psalms lautet es dann so: Lieber Gott, ich fühle mich so wohl überall da, wo du zuhause bist: in einer schönen Kirche, in einem schönen Tempel, in einer ehrwürdigen Synagoge und in den Herzen von Menschen, die dich liebhaben. Wenn ich meine Kirche betrete, dann kriege ich Herzklopfen schon im Vorraum, wenn die Glocken läuten und die Orgel spielt. Mit allen Fasern meines Lebens freu ich mich, durch und durch. Ich komme mir vor wie ein Zaunkönig, der einen Platz gefunden hat, oder wie eine Schwalbe, deren Nest unter dem Dach an der Mauer klebt. So wohl und geborgen fühle ich mich auch in deinem Haus. Ich spüre dann auch, dass es anderen genauso geht, wenn sie dich loben und wir danken. In deiner Nähe wird das kümmerlichste Leben zur Oase, und die Menschen spüren deine wohltuende Hand.

Ja, wir haben es gut. Wir können und dürfen Gott nahe sein. Wir können und dürfen Gott vertrauen, an ihn glauben. Der Glaube kann ein Leben tragen und erfüllen. Das ist ja der Sinn einer Kirche, dass wir darin glauben, darin Gott loben und preisen, darin hören, beten und singen, dass wir darin Gott danken und dass wir einfach so, wie wir sind, da sein können. Es ist gut, solche Orte zu haben.

Wir haben es gut. Manche meinen ja, wir hätten es zu gut. „Da vergisst man Gott. Die Leute treten aus der Kirche aus. Nach dem Krieg waren die Kirchen doch voll.“ – Es stimmt schon: Not lehrt beten, sagt man. Aber Gott will doch, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sind. Psalm 84 strotzt vor Glück und Freude. Dass es uns gut geht, ist nicht das Problem. Wir sollten uns wünschen, dass es jeden gut geht. Problematisch ist nur, wenn wir vergessen auf wessen Kosten es uns gut geht und wenn wir verlernen zu teilen und dankbar zu sein. Wahrscheinlich gelingt es uns als Kirche zu wenig, den Menschen zu vermitteln, dass unser Gut-gehen nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk und wir dankbar sein sollten, am besten hier im Hause Gottes.

Trotzdem: Wir haben es gut. Wir haben unsere Kirche. Damit ist nicht nur dieses Gebäude gemeint, sondern auch die Kirche Jesu Christi überhaupt, die durch ihn und von ihm lebt und erhalten wird. Es könnte auch anders sein für uns! Es gibt Länder, da darf der christliche Glaube nicht gelebt werden, da gibt es keine Kirchen, wohl aber Christen, die sich auch gern unter einem schützenden Dach versammeln und Gottesdienst feiern würden, die das aber nicht können.

Wir haben es gut, dass es unsere Gemeinde gibt, dass wir im Glauben miteinander feiern können und miteinander verbunden sind, und auch mit denen, die vor uns waren, und mit denen, die nach uns kommen. Wir haben es gut, wenn uns die Feste der Kirche noch etwas bedeuten und unser Gang durchs Jahr nicht von Silvester zu Silvester, sondern über Passion und Karfreitag, Ostern, Pfingsten und Christfest führt. Und auch über die Kirchweih, bei der wir noch danach fragen, was Gott uns geschenkt hat mit dem Glauben, mit der Kirche und mit der Gemeinde. Wir haben es gut, weil Gott es gut mit uns meint. Wohl den Menschen, die Gott für ihre Stärke halten und von Herzen ihm nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion. (Psalm 84)

Ich wünsche trotz aufgefallener Kärwa ein schönes Wochenende

Ihr Pfarrer Norbert Heinritz

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