Gedanken zum Sonntag Exaudi von Pfrin Johanna Graeff

„Ich bin klein, mein Herz ist rein…“ - könnten Sie dieses Kindergebet auswendig zu Ende sprechen? „I know this by heart“, sagt man auf Englisch über Dinge, die man auswendig weiß. „Ich weiß es im Herzen!“, es ist mir so vertraut, dass es wie ein Teil von mir geworden ist, über den ich gar nicht mehr nachdenken muss.

Was wissen wir denn auswendig, im Herzen? Zuerst denke ich an Dinge, die ich irgendwann in der Schule auswendig gelernt habe. Ziemlich oft schlicht für’s Kurzzeitgedächtnis. Hauptsache es war beim nächsten Test da. Danach hab ich es gelöscht und ich weiß heute wirklich nichts mehr davon. Aber geblieben sind Verse von Gedichten. Mehr so Gedankenfetzen: „Frühling lässt sein blaues Band…“ Würden wir zusammen das Gedicht hinkriegen? Und wenn nicht dieses – ein anderes? Gesangbuchlieder? Psalmen? Vermutlich schon. Diese Dinge „wissen wir“ im Herzen.

Aber es gibt noch viel mehr als das. Jede und jeder von uns kann sofort eigene Geschichten erzählen, die sich tief ins Herz eingegraben haben. Die große Liebe und die Katastrophen des Lebens, das unerwartete Glück oder auch das Glück im Unglück. Die wirklich entscheidenden Momente des Lebens wissen wir oft noch ganz genau und mit vielen Details. Wie das Wetter war, was im Radio lief, Gedanken, die wir hatten, Gerüche, die wir wahrgenommen haben…

Manches erzählen wir allerdings mit Bedacht auch nicht. Niemand hat wohl ein ganz unbeschwertes Herz. Solch schwere Gedanken tragen wir oft ganz allein in unseren Herzen oder teilen sie nur mit wenigen anderen gleichschlagenden Herzen.

Natürlich weiß ich, dass alle diese Dinge nicht wirklich in unserem Herz sind, sondern in unserem Gehirn gespeichert. Auch früher wusste man natürlich um den Verstand der Menschen. Trotzdem hat man sich in alten Zeiten vorgestellt, dass das Wesen des Menschen im Herzen wohnt. Der Wille des Menschen, die Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen, die Sehnsucht und die Liebe, die Impulse zu jeder Tat, die Weisheit, …. Verstand und Gefühl gehören zusammen, Nur wenn beides zusammen kommt, ist etwas wirklich „in einem Menschen drin“. Mir gefällt diese Vorstellung.

Gott möchte „in den Menschen drin“ sein, berichtet der Prophet Jeremia. Gott will seinem Volk Israel etwas „ins Herz schreiben“.

Siehe, es kommt die Zeit, da will ich dem Hause Israel und mit dem Hause Juda  einen neuen Bund schließen - nicht wie der frühere Bund, als ich sie aus Ägypten geführt habe und an den sie sich nicht gehalten haben. Dieser neue Bund soll so sein: Ich will mein Gebot in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.
Und es wird keiner den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“. Jeder wird mich erkennen, ohne dass andere lehren und erklären müssen. Denn ich will alle Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Jeremia 31,31-34)

Im Herzen wohnt alles, glaubten Jeremia und nach ihm noch viele, viele Generationen. Wenn es da verankert ist, ist es fest. Wenn Gottes Gebot in den Herzen und in den Sinnen ist, dann kann es nie mehr verschwinden.

Natürlich wusste Jeremia, dass das kein Selbstläufer ist. Jeremia nennt des Menschen Herz an anderer Stelle „ein trotzig und verzagt Ding“. Er wusste genau, wie schnell ein Herz entbrennen kann, aber auch, wie ein Herz bricht und wie man mit lebenslangen Narben im Herzen leben muss.

Dennoch: Im Herzen begegnen sich an einer winzigen Stelle Himmel und Erde. Dort entsteht das, was uns feige bleiben oder Mut finden lässt. Dort trifft uns das, was über uns kommt, was größer ist als wir, was unser Herz erfüllt, ob es uns gefällt oder nicht. Dort lebt unsere Ohnmacht gegenüber manchen Gefühlen. Dort ist der Ort, an dem wir nichts machen können.

Jeremia hat das am eigenen Leib erfahren, das erzählt er immer wieder. Vielleicht gerade darum schließt er mit einem großen Trost für alle Herzen:
Ich will mein Gebot in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. […] ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Das Böse und das Leid unserer Herzen wird zuletzt nicht mehr sein. Bis dahin ist unser Auftrag, die Herzen aufmerksam zu pflegen – die anderen und unsere eigenen. Wie das gehen kann, hören, lesen oder singen wir in dem Lied „Herz und Herz vereint zusammen“. (Evangelische Gesangbuch Nr. 251).

Und Gottes Friede, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne bis dahin in Christus Jesus - Amen.

Bleiben Sie behütet
Ihre Pfarrerin Johanna Graeff