Gedanken zum Sonntag Rogate - von Pfarrerin Alexandra Büttner

„Beten ist wie...“ Wie würden Sie diesen Satz vervollständigen?

Vielleicht ja so: Beten ist wie Reden mit einem Freund. Oder: Beten ist geborgen sein in einem sicheren Raum. Diese Antworten stammen von unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie haben mich beeindruckt. Genauso wie auch die Folgenden: Beten ist wie ein Lichtblick in meinem schweren Leben. Beten ist wie ein Gespräch mit einer Vertrauensperson. Beten ist wie das Gefühl der Erleichterung. Beten bringt alle Gedanken zur Ruhe. Beten heißt sich frei zu fühlen. Beten ist wie ein Dach über mir. Beten heißt, die Gefühle rauszulassen. Beten heißt Zusammenhalt mit Gott.

Wenn ich mit Konfirmanden über das Gebet nachdenke, dann ist das immer der erste Impuls: im Gottesdienstraum der Arche ist von der Decke zum Boden ein Seil gespannt und auf dem Boden liegt ein Schild, auf dem steht. „Beten ist wie…“.

Sofort sagt dann jemand: Beten ist wie ein sicherer Halt. Beten heißt ‚sich festhalten‘ und ‚gehalten zu werden‘.

Die Konfirmanden sollen dann selber etwas ‚bauen‘, was zeigt, wie beten für sie ist. Immer wieder kommt es vor, dass einer der Konfirmanden einen Mülleimer vor alle hinstellt und Schaufel und Besen und dann sagt: Beten ist wie Müll entsorgen. Das ist zwar drastisch formuliert, ist aber auch ein Teil der Wahrheit.

Beten kann so vieles sein. „Ohne Gebet wäre ich schon lange verrückt“, hat Mahatma Gandhi wohl einst gesagt. Dem kann ich zustimmen. In so manch schlafloser Nacht hat mich das Gespräch mit Gott in den nächsten Morgen gebracht.

In den Medien lese ich in den letzten Jahren Widersprüchliches zur Praxis des Gebetes. Es wird bezweifelt, dass es noch ein festes Ritual ist, das zum Leben und Glauben gehört. Eigentlich kann ich das immer nicht glauben, wenn ich das zugrunde lege, was meine Konfirmanden sagen. Und es beten – glaube ich - wohl mehr Menschen, als es zugeben würden.

„Betet“ – fordert uns dieser Sonntag auf und er fällt in eine Zeit, in der womöglich wieder mehr Menschen zu beten angefangen haben.

Wer betet, hält an der Hoffnung fest, und wir bringen zum Ausdruck, dass wir uns nicht mit dem zufriedengeben, was ist. Dabei geht es beim Gebet ja nicht nur darum, was ich möchte und denke, sondern ich blicke und denke über mich hinaus und eben auch an andere.

Natürlich merken wir dann immer auch, dass nicht alles so geht, wie wir es möchten. Das Gebet funktioniert nicht wie ein Wunschautomat. Aber in Verbindung mit Gott mag es gelingen, im Leben zu bestehen, gerade auch da, wo es schwer ist oder wo es anders kommt, als wir es uns gewünscht hätten. Die Theologin Dorothee Sölle sagt, dass uns das Gebet auch lehrt, unsere Wünsche an das Leben genauer zu formulieren. Wenn ich bete, werde ich mir klar, was ich hoffen kann. Und auch das spüre ich immer wieder, dass ich in so mancher Situation gar nicht weiß, was ich beten soll, weil ich nicht weiß, was das Beste ist – um dann zu bitten: dein Wille geschehe. Insofern macht beten auch demütig.

Aber solange wir beten, geben wir weder die Hoffnung noch die Beziehung zu Gott auf. Es geht dann nicht allein um Bitten und Wünsche, sondern auch um Klage und Dank. Alles gehört zu unserem Leben dazu.

Seit der Corona-Pandemie ist auch die Arche zum Gebet offen, und es liegt von Dietrich Bonhoeffer ein Gebetskärtchen aus, der in seinen eindrücklichen Worten das gut zusammenfasst:

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen,
hilf mir beten und meine Gedanken sammeln;
ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht,
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht,
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe,
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden,
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht,
aber du weißt den rechten Weg für mich.

Vater im Himmel,
Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht.
Lob und Dank sei dir für den neuen Tag.
Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue
in meinem vergangenen Leben.

Du hast mir viel Gutes erwiesen,
lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen. Amen.

Ich bin froh, dass es solche Gebete gibt, weil sie mich immer noch auf mehr stoßen, als ich denken kann. Ich bin auch froh, dass es das „Vaterunser“ gibt, weil ich es zusammen mit anderen beten kann und auch dann sprechen kann, wenn mir eigene Worte schwerfallen.

Noch etwas ist mir beim Beten wichtig. Wer betet, begreift, dass er nicht alles allein machen kann und auch nicht muss. Und wir begreifen, dass wir nicht beten können: „dein Wille geschehe“, um dann das zu tun, was nur uns passt. Und wer betet, weiß sich damit auch in der Verantwortung. Nach dem Gebet die Hände in den Schoß zu legen, geht nicht.

Bleiben Sie behütet und zuversichtlich.

Ihre Pfarrerin Büttner

 

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