Predigt zum Festgottesdienst "90 Jahre Posaunenchor in Wendelstein" am 22.10.2017 zu Josua 6,1-20 von Pfr. Norbert Heinritz

Liebe Gemeinde,

Musik hat eine große Macht. Sie kann sogar Mauern einreißen. So haben wir es gerade gehört in dieser wohl den meisten hier bekannten Geschichte von der Eroberung Jericho (Josua 6,1-6.13-16.20). Joshua fit the battle of Jericho, Jericho, Jericho, Joshua fit the battle of Jericho and the walls came tumbling down. Klingt Ihnen der Spiritual in den Ohren? - Josua schlug die Schlacht von Jericho und die Mauern stürzten taumelnd ein.

Sieben Tage lange zog Josua mit dem Volk der Israeliten um die Stadt. Die Priester bliesen die Posaunen. Die Bundeslade mit den zehn Geboten wurde beim Umzug feierlich getragen. Sechs Tage lang ging es einmal um die Stadt und am siebten Tag sieben Mal. Und dann erhoben die Krieger das Kriegsgeschrei. Die Mauern von Jericho fielen ein. So eine große Macht hat die Musik.

Freilich können Sie jetzt einwenden und zwar ganz und gar zu Recht: Es war doch nicht die Musik, die die Mauern zum Einsturz brachten, es war doch Gott. Stimmt! Ohne den Auftrag Gottes, ohne Gottes Wort hätten hundert Posaunenchöre wochenlang um die Stadt ziehen können, es wäre nichts geschehen. Natürlich kommt es auf Gottes Wort an. Damit nimmt ja alles seinen Lauf. Damit beginnt die ganze Geschichte – auch unsere.

Am Anfang war das Wort. Gottes Wort bringt diese Welt ins Dasein. Gottes Wort wird in Jesus von Nazareth greifbar, hörbar, sehbar. Gottes Wort hat auch uns ins Leben gerufen. Das glauben wir doch, dass wir nicht zufällig und sinnlos hier sind, sondern dass es Gottes Absicht ist, dass wir leben. Mit Gottes Wort fängt alles an – bei uns und damals bei Josua. Josua und das Volk tun das, was Gott ihnen sagt.

Und was ist das für ein Auftrag! Eine scheinbar uneinnehmbar befestigte Stadt nicht mit Rammböcken, sondern mit Posaunenmusik zu bezwingen. Eine Schlacht mit Musikinstrumenten zu schlagen. Ja, Musik hat eine große Kraft. Sie kann Mauern einreisen. Wenn Gott das will!

Denken wir nur an unsere deutsche Geschichte. Die Mauer zwischen Ost und West – wie ist sie gefallen? Nicht mit Kanonen und Gewähren! Sondern mit Prozessionen, Fackeln und Liedern.

Oder ein anderes Beispiel: 1999 wurde West-Eastern Divan Orchestra gegründet. In diesem Jugendsymphonieorchester spielen israelische und palästinensische Jugendliche in gleichen Teilen. Um miteinander Musik zu machen, müssen sie die reale existierende Mauer zwischen Israel und Palästina überwinden. Da kann man erleben, dass ein junger Musiker seinen schweren Cellokasten auf dem Weg von Jerusalem nach Ramallah im Westjordanland schleppt. Der Weg führt ihn durch eine Lücke in der riesigen Mauer, die Israel vor Terroranschlägen palästinensischer Extremisten schützen soll. In der Musik kommen beide Seiten zusammen. Geigen statt Gewehre!

Musik kann Mauern überwinden. In einen einem ganz Sinn erlebe ich das oft. Da kommen zu mir Angehörige, die einen lieben Menschen verloren haben. Sie kommen, um mit mir die Trauerfeier zu besprechen. Sie erzählen mir aus dem Leben des Verstorbenen. Es ergeben sich innige und persönliche Momente und intensive Gespräche. Und doch ist alles sehr gefasst und kontrolliert. Erst dann, wenn bei der Trauerfeier die Musik erklingt, brechen die inneren Schutzmauern und fließen die Tränen. Gott bedient sich der Musik. Der Schmerz findet seinen Raum, aber auch der Trost durch den Klang der Lieder.

Oder bei einer Hochzeit neulich. Da sind es zwar auch immer wieder meine Worte als Pfarrer, die das Paar berühren. Aber als, wie neulich mal geschehen, der Bräutigam die Gitarre nahm und seiner Frau ein Lied sang, war sogar ich sehr gerührt.

Musik überwindet Mauern. Auch in unseren Posaunenchören. Ich habe noch gut im Ohr, wie Sie, Herr Volkert, mir vorgeschwärmt haben, dass in unseren Posaunenchören Junge und Alte, Männer und Frauen (wenn leider auch viel weniger Frauen), Facharbeiter und Akademiker miteinander Musik machen. Da sitzt der Zahnarzt neben dem Landwirt, die Studentin neben dem Rentner. Ja, so soll es doch sein in unseren Gemeinden.

In Christus ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau, schreibt Paulus. Und wenn man dann noch Spaß hat an der Musik, wenn man zur Ehre Gottes seine Instrumente erklingen lässt, ist das doch großartig.

Und doch wie schnell werden wieder Mauern zwischen Menschen hochgezogen. In den achtziger Jahren haben wir als junge Menschen mit Inbrunst das Lied gesungen Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer. Sie erinnern sich vielleicht. In einer Strophe heißt es da: Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unsrer Angst. Es ist die Angst, die Mauern wachsen lässt in unseren Herzen, in unseren Köpfen und letztlich dann auch ganz konkret. Leider erleben wir es ja auch heutzutage wieder, wie Mauern - innerliche und äußerlich - hochgezogen werden. Dagegen lohnt es sich, Musik zu machen.

Musik hat so eine große Macht. Sie kann unsere Herzen berühren. Sie kann uns Mut machen. Sie kann zur Völkerverständigung beitragen. Sie uns miteinander verbinden. Aber freilich kann sie auch missbraucht werden. Mit Marschmusik ist man in den Krieg gezogen und nicht selten mit Pauken und Trompeten untergegangen. Und die Musik in rechtsradikalen Kreisen ist alles andere als harmlos.

Daher ist es wichtig, dass wir hören, nicht einfach nur auf die Musik, sondern auf Gottes Wort. Sein Wort ist es, das uns Richtung und Orientierung bietet. Bei euren Posaunenchorproben in Wendelstein gibt es am Ende immer eine kurze Andacht. Ich finde das toll. Vom Musizieren zum Hören. Manch einer mag das vielleicht für überflüssig halten. Aber mit unserem Leben ist es wie mit der Musik. Wenn wir im Chor nicht mehr auf den anderen hören, wird es schnell dissonant. Wenn wir in unserem Leben nicht mehr auf Gott hören, kommen wir leicht aus dem Takt.

Musik hat eine große Macht! Wie schön, wenn die frohe Botschaft und Musik zusammenkommen! Darum hat Luther ja auch Lieder gedichtet. Darum hat die Johann Sebastian Bach seine Kantaten geschrieben. Darum singen wir im Gottesdienst und hören nicht nur zu. An den Liedern, welche Menschen singen, erkennt man den Geist, in dem sie leben.

Wir feiern heuer 90 Jahre Posaunenchor in Wendelstein. Das ist eine großartige Sache. Und wir haben ja schon tolle Musik gehört. Man kann es euch abspüren, wie viel Freude ihr am Musizieren habt. Ich sage euch Dank. Wir alle danken euch, dass ihr unsere Kirche so bereichert. Ich kenne Gottesdienstbesucher, die kommen immer dann, wenn ihr spielt - und manche auch nur dann. Und auch mein Herz habt ihr mit eurer Musik schon oft erobert. Mein Gottvertrauen kommt dann zum Klingen. Ihr habt so ein großes Engagement. Über vierzig Einsätze im Jahr. Fantastisch! Vielen, vielen Dank – an euch den Wendelsteiner Bläsern, aber auch euch anderen. Ihr macht es ja in euren Gemeinden nicht anders.

So Gott will, kann auch eure Musik Mauern überwinden und Herzen erobern. Wenn wir auf Gottes Wort hören, in euren Chören, in unseren Gemeinden, in unseren Herzen! Möge Gott euch noch viele Freude an der Musik schenken. Amen

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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