Worte zum Terroranschlag von Pfarrer Heinritz auf der Mitgliederversammlung des Diakonievereins

Liebe Mitglieder des Diakonievereins, liebe Gäste,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu unserer diesjährigen Mitgliederversammlung des Diakonievereins der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinden Wendelstein, Kornburg, Röthenbach St. Wolfgang e.V.

Jede Woche gibt es in der evangelischen Kirche einen Bibelvers, der wie eine Überschrift über dieser Woche steht. Über der kommenden Woche, die ja im christlich-jüdischen Sinn morgen am Sonntag beginnt, steht der Vers aus dem 2. Korintherbrief: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Korinther 5,10)

Ich hatte nicht gedacht, dass dieser Vers so eine aktuelle Brisanz erhält. Ich denke, Ihnen allen wird es gehen wie mir: Mit Entsetzen habe ich heute Morgen die Geschehnisse in Frankreich erfahren. Es ist erschütternd, es tut weh, was da – man wird es so sagen müssen – ein paar Irre angerichtet haben. Mindestens 127 Menschen wurden getötet. Friedliche Menschen auf der Straße, die meisten auf einem Rockkonzert. Junge Menschen, die das Leben vor sich gehabt hätten. Es ist erschütternd.

Was heißt das für die Familien? Ich stelle mir vor, meine Sohn oder meine Tochter gehen auf ein Konzert und kommen nicht mehr zurück, weil ein paar Irre ihrem religiösen Wahn folgen. Meine Gedanken, meine Trauer und meine Anteilnahme ist bei den Opfern in Frankreich. Wir alle sollten sie in unsere Gebete einschließen.

Es ist irgendwie unglaublich, nicht zu fassen. „Gott ist groß“ – sollen die Attentäter bei ihren Anschlägen gerufen haben. Mehr kann man Gott nicht lästern, seinen Namen missbrauchen. Das ist Blasphemie, Gotteslästerung. Mit irgendeinem Glauben an den lebendigen Gott hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Und jeder Christ, jeder Jude und jeder Moslem kann sich doch nur hinstellen, das verurteilen und sagen: Das hat mit Gott nichts, aber auch wirklich nichts zu tun. 

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. sagt der Apostel Paulus. Christus wird hier als der Weltenrichter beschrieben. Das ist eigentlich nicht meine bevorzugte Vorstellung von Jesus unserem Herrn. Aber heute passen diese Worte der Bibel: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. Sie werden nicht davonkommen, diese Attentäter. Irgendwie ist das doch genugtuend.

Ich merke, wie mich solche Gräueltaten zornig und wütend machen. Mir kommen Gedanken wie „Schlag drein!“, „Mach dem ein Ende“. Und zugleich weiß ich, uns dürfen Zorn und Wut nicht beherrschen. Dieser Anschlag ist ein Anschlag auf unser freies und friedliches Gesellschaftssystem und unseren Rechtsstaat. Es ist ein Anschlag auf das, worauf wir in Europa und in der westlichen Welt zurecht stolz sind. Unsere Wut und unser Zorn dürfen uns nicht dazu führen, unsere Prinzipien von Freiheit und Recht, von Nächstenliebe und Solidarität, von Menschlichkeit und Menschenrechten über Bord zu werfen. Das würde den Attentätern ja gerade so gefallen. Die Parolen der Rechten werden jetzt lauter werden. Wir dürfen uns ihnen nicht anschließen. Das Böse darf uns nicht ins Böse hineinziehen.

Was tun? Grenzen dicht machen? Krieg vorbereiten? Sicherheitsvorkehrungen verstärken? Ich weiß es nicht. Es gibt keine einfachen Lösungen. Was hat der Irakkrieg nach den Anschlägen in New York gebracht? Es hat den sogenannten IS groß gemacht!

Was tun? Jetzt jedenfalls an die Opfer denken. Für sie beten. Unsere Gedanken mögen jetzt bei Ihnen sein. Ich möchte sich bitten, sich zu erheben und nach einem Moment der Stille mit mir das Vaterunser zu beten.

Pfarrer Norbert Heinritz am 14.11.2015

 

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